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Wie gefährlich ist Adipositas? Folgeerkrankungen und Gesundheitsrisiken
MedExpress Redaktion
Dr. Kareem Mahmoud
6. Oktober 2026


In den Medien wird Adipositas gerne als „Volkskrankheit“ beschrieben – und das nicht ohne Grund: Der Anteil an Menschen mit starkem Übergewicht, die offiziell als adipös gelten, ist in den letzen 20 Jahren stetig gewachsen. Laut Trendanalysen des Robert Koch-Instituts ist der Prozentsatz der Menschen mit Adipositas in allen Alters-, Geschlechts- und Bildungsgruppen zwischen 2003 und 2023 von 12,2% auf 19,7% gestiegen.[1] Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft beziffert diesen Anteil inzwischen auf 25% der Erwachsenen.[2]
Adipositas ist aber nicht nur ein erhöhtes Körpergewicht, sondern stellt auch ein Gesundheitsrisiko dar. Ein dauerhaft erhöhter Anteil an Körperfett kann verschiedene Organe und Körperfunktionen beeinträchtigen und eine Ursache für Folgeerkrankungen sein, die von Herz-Kreislauf-Beschwerden bis zu verschiedenen Krebsarten reichen.
Adipositas wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits seit 1948 als Krankheit anerkannt. Auch deutsche medizinische Verbände wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) stufen sie seit Jahren als chronische Krankheit ein. Im Juli 2020 hat der Bundestag Adipositas offiziell als eigenständige Krankheit anerkannt.
Bei Erwachsenen wird Adipositas traditionell über den Body-Mass-Index (BMI) definiert. Danach gilt eine Person ab einem BMI von 30 als adipös.[3] Allerdings gibt es in der Wissenschaft aktuell zunehmend Ansätze, die Definition dieser Krankheit zu präzisieren:
Eine Kommission der britischen Fachpublikation „The Lancet Diabetes & Endocrinology“ veröffentlichte 2025 Empfehlungen, bei der Beurteilung von Adipositas neben dem BMI auch weitere Messgrößen wie den Taillenumfang oder das Verhältnis von Taille zu Körpergröße zu berücksichtigen. Die Fachleute dieser Kommission unterscheiden zudem zwischen präklinischer und klinischer Adipositas: Bei präklinischer Adipositas liegt überschüssiges Körperfett vor, ohne dass dadurch die Funktion von Organen oder Geweben wesentlich beeinträchtigt ist. Von klinischer Adipositas sprechen die Experten, wenn das überschüssige Körperfett zu einer Beeinträchtigung von Organ- oder Gewebefunktionen und/oder zu erheblichen Einschränkungen im Alltag führt.
Auf Basis dieser neuen Definition kam die 2026 veröffentlichte Untersuchung einer internationalen Forschungsgruppe zu dem Ergebnis, dass die meisten Adipositas-Betroffenen klinisch adipös sind: Bei rund 80% lagen die damit assoziierten gesundheitlichen Auffälligkeiten vor. 100% der Menschen mit einem BMI ab 30 erfüllten außerdem mindestens ein zusätzliches Maß für erhöhte Körperfettmasse. Die untersuchten Daten ergaben zudem, dass Menschen mit klinischer Adipositas im Vergleich zu Menschen ohne Adipositas und ohne entsprechende klinische Auffälligkeiten ein dreifach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein achtfach erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes hatten. Bei Personen mit präklinischer Adipositas wurde kein höheres Herz-Kreislauf-Risiko, jedoch ein erhöhtes Diabetesrisiko beobachtet.[5]
Überschüssiges Körperfett kann den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und die Funktion verschiedener Organe beeinflussen. Besonders im Fokus steht dabei das viszerale Fett. Es liegt tief im Bauchraum und umgibt dort wichtige Organe wie Leber, Darm und Bauchspeicheldrüse. Da dieses Fett wie ein eigenes hormonelles Organ fungiert, kann ein Überschuss davon der Gesundheit vor allem auf zwei Arten schaden:
Es schüttet einerseits permanent entzündungsfördernde Botenstoffe in die Blutbahn aus, was chronische Entzündungsprozesse fördert, die langfristig die Gefäßwände angreifen und Gefäßverkalkung begünstigen können. Andererseits gibt es freie Fettsäuren an die Leber ab, was zu einer Reihe von Stoffwechselstörungen führen kann. Dazu gehört Insulinresistenz, was zu Typ-2-Diabetes führen kann.
Gleichzeitig belastet ein höheres Körpergewicht auch den Bewegungsapparat und kann die körperliche Belastbarkeit beeinträchtigen. Welche gesundheitlichen Folgen auftreten, unterscheidet sich individuell. Nicht jede Person mit Adipositas entwickelt dieselben Erkrankungen.

Die Beschwerden und Folgeschäden von Adipositas manifestieren sich in zahlreichen Bereichen des Körpers. Dazu gehören das Herz-Kreislauf-System, der Stoffwechsel, die Atmung, der Bewegungsapparat, das Nervensystem, die Fortpflanzung und die Leber.[4] Zudem kommen eine Reihe spezifischer Krebsarten zum Tragen – und nicht zuletzt werden auch psychische Erkrankungen mit Adipositas in Verbindung gebracht.
Adipositas kann verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Dazu gehören Bluthochdruck, Arteriosklerose und Herzdurchblutungsstörungen. Damit können wiederum Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall einhergehen. Auch Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern treten häufiger auf. Darüber hinaus besteht ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel (Thrombosen und Embolien).[6]
Zu den wichtigsten Adipositas-Folgeerkrankungen gehört Typ-2-Diabetes. Bereits vor der Entwicklung eines Diabetes können Insulinresistenz, erhöhte Blutzuckerwerte und Prädiabetes auftreten. Weitere mögliche Stoffwechselveränderungen sind Fettstoffwechselstörungen sowie erhöhte Harnsäurewerte (Gicht).[6]
Adipositas ist eng mit einer stoffwechselbedingten Fettlebererkrankung namens MASLD verbunden. Diese umgangssprachlich als Fettleber bekannte Erkrankung kann zunächst durch eine Ansammlung von Fett in der Leber gekennzeichnet sein. Bei einem Teil der Betroffenen können sich entzündliche Veränderungen und eine zunehmende Vernarbung des Lebergewebes entwickeln. Im weiteren Verlauf sind Fibrose, Zirrhose und Leberversagen möglich.[6]
Auch die Nieren können durch Adipositas beeinträchtigt werden. Wissenschaftlich beschrieben sind unter anderem eine mit Adipositas assoziierte Schädigung der Nierenkörperchen und ein erhöhtes Risiko für eine chronische Nierenerkrankung bis hin zum Nierenversagen. Darüber hinaus kann Adipositas mit Harninkontinenz bei Frauen sowie mit Beschwerden der unteren Harnwege und Erektionsstörungen bei Männern verbunden sein.[6]
Adipositas kann die Atmung beeinträchtigen und das Risiko für schlafbezogene Atmungsstörungen erhöhen. Besonders häufig ist die sogenannte obstruktive Schlafapnoe, bei der sich die oberen Atemwege im Schlaf wiederholt verengen oder komplett verschließen. Auch Atemnot und eine eingeschränkte Lungenfunktion können vorkommen. Bestehende Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) können durch Adipositas zusätzlich belastet werden.[6]
Das zusätzliche Körpergewicht belastet die Gelenke und den Bewegungsapparat. Besonders häufig sind degenerative Gelenkerkrankungen wie Arthrose an Knie- und Hüftgelenken. Schmerzen und Bewegungseinschränkungen können wiederum die körperliche Aktivität erschweren.[7][6]
Adipositas kann sowohl bei Frauen als auch bei Männern die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. So können bei Frauen hormonelle Veränderungen, Zyklusstörungen, ausbleibender Eisprung und ein polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) auftreten. Bei Männern sind unter anderem hormonelle Störungen, eine Beeinträchtigung der Spermienbildung und Erektionsstörungen beschrieben.[6]
Zu den bekannten neurologischen Folgen von Adipositas gehören eine Erhöhung des Hirndrucks (idiopathische intrakranielle Hypertension) und Schäden an den Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark (periphere Neuropathien).
Adipositas kann auch Auswirkungen auf bestimmte kognitive Funktionen haben. Dies reicht von Veränderungen im Bereich der sogenannten exekutiven Funktionen wie Impulskontrolle oder Entscheidungsfindung bis hin zu einer Fehlregulation des Belohnungssystems im Gehirn.[6][8]
Bei schwerer Adipositas kann sich ein Lymphödem an den Beinen entwickeln. Für Menschen, die davon betroffen sind, führen die damit verbundenen Schwellungen und Bewegungseinschränkungen zu einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität.
Auch Hautprobleme treten häufiger auf. Dazu gehören beispielsweise Hautentzündungen in Hautfalten, Pilz- und bakterielle Infektionen sowie Druckschäden. Auch Durchblutungsstörungen in den Venen und andere entzündliche Hauterkrankungen können auftreten.[6]
Adipositas ist mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Krebserkrankungen verbunden. Die erwähnte Lancet-Kommission verweist auf 13 Krebsarten, bei denen ein Zusammenhang mit überschüssigem Körperfett besteht. Dazu gehören unter anderem Darm-, Leber-, Nieren-, Bauchspeicheldrüsen- und Brustkrebs.[6]
Eine 2026 von Forschenden des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) veröffentlichte Analyse weist zudem darauf hin, dass sowohl Übergewicht als auch Adipositas möglicherweise zu mehr Krebserkrankungen beitragen als bisher angenommen. Bei Verwendung der üblichen BMI-Kategorien lag das Krebsrisiko im Vergleich zu Normalgewicht bei Menschen mit Übergewicht um 5% und bei Menschen mit Adipositas um 14% höher.[9]
Auch die Auswirkungen von Adipositas auf die psychische Gesundheit und das Alltagsleben dürfen nicht unterschätzt werden. Eingeschränkte Mobilität, körperliche Schmerzen und Einschränkungen gepaart mit Vorurteilen und Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität, sondern können auch zu depressiven Störungen führen. Dabei ist die Beziehung komplex und kann in beide Richtungen wirken: Psychische Belastungen können zur Entstehung oder Aufrechterhaltung von Adipositas beitragen, während Adipositas wiederum psychische und psychosoziale Belastungen verstärken kann.[6]
Eine Gewichtsabnahme kann verschiedene gesundheitliche Risikofaktoren verbessern. Dazu gehören Blutzucker, Blutdruck und Blutfettwerte. Auch Beschwerden des Bewegungsapparats können sich durch eine Gewichtsreduktion verbessern.[7]
Wie viel dafür abgenommen werden muss, ist individuell unterschiedlich. Eine Gewichtsabnahme sollte deshalb nicht ausschließlich an einer bestimmten Zahl auf der Waage gemessen werden. Entscheidend ist auch, ob sich Stoffwechselwerte, körperliche Beschwerden und Lebensqualität verbessern.
Untersuchungen wie das über mehrere Jahre hinweg durchgeführte Tübinger Lebensstil-Interventionsprogramm (TULIP) zeigen, wie viel eine Änderung des Lebensstils bei der Behandlung von Adipositas bewirken kann. Im Rahmen dieser Studie unterzogen sich die Betroffenen einem jeweils 9 Monate dauernden Gesundheitsprogramm, das eine angepasste Ernährung, gesteigerte Aktivität und Verhaltenstraining umfasste. Im Ergebnis sank der Anteil der Teilnehmenden mit klinischer Adipositas von 71 % auf 57 %, und die Häufigkeit von Prädiabetes verringerte sich von 52 % auf 29 %.[10]
Die Behandlung von Adipositas sollte langfristig angelegt und individuell angepasst werden. Grundlage ist eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Dabei geht es eben nicht nur um eine möglichst starke Gewichtsabnahme, sondern auch darum, gesundheitliche Risiken zu reduzieren, bestehende Erkrankungen zu behandeln und die Lebensqualität zu verbessern.
Bei der Behandlung kommen je nach Ausgangslage auch Medikamente in Frage. Moderne GLP-1-basierte Abnehmmedikamente wie Wegovy® können unterstützend eine deutliche Gewichtsabnahme ermöglichen. Welche Therapie hier geeignet ist, sollte gemeinsam mit medizinischen Fachkräften entschieden werden.
Ein starkes Übergewicht bringt Gefahren mit sich, die nicht unterschätzt werden sollten. Adipositas kann die Gesundheit dabei auf vielfältige Weise beeinträchtigen. Zu den möglichen Folgen gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Fettlebererkrankungen, Gelenkverschleiß, Schlafapnoe, bestimmte Krebsarten und Depressionen. Das individuelle Risiko hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab und lässt sich nicht allein anhand des BMI bestimmen. Wichtig ist eine frühzeitige, individuell abgestimmte Behandlung, die dazu beitragen kann, gesundheitliche Risiken zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.
Ihre erste Anlaufstelle
Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, um zu klären, ob eine Behandlung mit Wegovy oder Mounjaro für Sie geeignet ist. Alternativ berät Sie das MedExpress-Team gern zu Ihren Optionen.
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke. Diese Informationen ersetzen nicht die professionelle Beratung durch einen Arzt oder eine Ärztin. Individuelle Ergebnisse können variieren. Über die Verschreibung einer Behandlung entscheiden qualifizierte Ärztinnen und Ärzte nach einer individuellen medizinischen Beurteilung.
Nächste geplante Überprüfung: 6. Oktober 2029





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