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Abnehmspritzen und Krebsrisiko: Neue Studien

Abnehmspritzen und Krebsrisiko: Neue Studien


Verfasst von:

MedExpress Redaktion

Fachlich geprüft von:

Dr. Kareem Mahmoud

Erstveröffentlichung:

27 Juli 2026

Lesezeit: 7 Minuten
Dr Kareem Mahmoud | MedExpress Germany

Können die in den Medien als Abnehmspritzen bekannten Adipositas-Medikamente das Krebsrisiko verringern und die Streuung von Krebszellen verhindern? Diese Frage wird in der Wissenschaft und Öffentlichkeit zunehmend diskutiert. Grund sind eine Reihe aktueller Studien, die mögliche Zusammenhänge zwischen GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid und Tirzepatid und einem reduzierten Krebsrisiko zeigen. Die Forschungsergebnisse mögen auf den ersten Blick vielversprechend sein, müssen aber realistisch eingeordnet werden. Denn noch ist der Zusammenhang zwischen Adipositas-Medikamenten und einer Verminderung des Krebsrisikos und der Krebsstreuung nicht nachgewiesen.

Unser Artikel stellt die Ergebnisse relevanter Studien im Überblick vor und erläutert, was hinter der möglichen Wirkung von Abnehmspritzen auf Krebserkrankungen stehen könnte.

Studie 1: Auswirkung von GLP-1-Medikamenten auf Brustkrebsrisiko

Eine viel beachtete Analyse, die im Juni 2026 veröffentlicht wurde, stammt von Forschenden der Perelman School of Medicine der University of Pennsylvania.[1]Diese Beobachtungsstudie mit Frauen zwischen 45 bis 80 Jahren mit Übergewicht (BMI ab 25) oder Adipositas (BMI ab 30) untersuchte, ob sich das Brustkrebsrisiko bei Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten im Vergleich zu Patientinnen ohne diese Medikamente unterscheidet.

Dafür wurden die Daten von zwei Gruppen verglichen – die der gesamten Studienpopulation von über 111.000 Frauen und die einer kleineren Gruppe, in der Frauen mit ähnlichen Merkmalen (Vorerkrankungen, Alter, Gewicht) gegenübergestellt wurden. Beide Analysen kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Die Frauen mit Medikation hatte deutlich geringere Erkrankungsraten. Die Auswertung zeigte, dass bei einer Therapie mit GLP-1-Rezeptoragonisten das Risiko eine Brustkrebserkrankung rund 30% niedriger war.[1]

Aussagekraft der Studie

Auch wenn diese Untersuchung interessante Hinweise darauf liefert, dass GLP-1-Medikamente das Brustkrebsrisiko möglicherweise senken könnten, liefert die Beobachtungsstudie keinen Zusammenhang zwischen Abnehmspritzen und einem geringeren Krebsrisiko. Erst klinische Studien können zeigen, ob tatsächlich die Medikamente dafür verantwortlich sind oder ob beispielsweise der Gewichtsverlust, ein insgesamt gesünderer Lebensstil oder andere Faktoren den beobachteten Effekt erklären.

Studie 2: Niedrigeres Krebsrisiko bei adipösen Erwachsenen ohne Diabetes

Für diese ebenfalls 2026 veröffentlichte Studie wurden erstmals gezielt Menschen mit Adipositas ohne Diabetes untersucht, die GLP-1-Rezeptoragonisten zur Gewichtsreduktion erhielten.[2] Damit unterscheidet sie sich von vielen früheren Untersuchungen, die vor allem Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes betrachteten.

Die US-amerikanische Analyse wertete die elektronischen Gesundheitsdaten von rund 229.000 Erwachsenen mit einem BMI von mindestens 30 aus, die keinen Diabetes hatten. Gut 86.000 davon erhielten GLP-1-Rezeptoragonisten zur Gewichtskontrolle. Bei etwa 143.000 Personen bestand die Behandlung ausschließlich aus einer Beratung zu Ernährung und Bewegung. Die Forschenden verglichen jeweils fast 81.000 Personen pro Gruppe über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren. Untersucht wurde, wie häufig insgesamt 13 mit Adipositas verbundene Krebsarten neu diagnostiziert wurden.

Das Ergebnis: Bei der Anwendung von GLP-1-Medikamenten wurde eine etwa 41% niedrigere Rate dieser mit Adipositas assoziierten Krebserkrankungen beobachtet. In einzelnen Untergruppen war diese Reduktion besonders auffällig: Bei Gebärmutterschleimhautkrebs gab es 58% weniger Erkrankungen; bei Männern war das Risiko für mit Übergewicht assoziierte Krebsarten laut der Analyse fast 70% niedriger.[3]

Aussagekraft der Studie

Genau wie bei der Untersuchung zum Brustkrebsrisiko liefert diese Beobachtungsstudie keinen Beweis dafür, dass GLP-1-Medikamente Krebs direkt verhindern. Die Daten zeigen lediglich eine statistische Verbindung zwischen der Behandlung und einem geringeren Auftreten bestimmter Tumorerkrankungen.

Relevant ist sie dennoch, weil sie eine Patientengruppe untersucht, für die Abnehmspritzen zunehmend eingesetzt werden: Menschen mit Adipositas ohne Diabetes. Weiter untersucht werden muss nun, ob die Medikamente selbst vor Krebserkrankungen schützen oder ob der Gewichtsverlust, bessere Stoffwechselwerte und weniger Entzündungen dahinterstehen.

Studie 3: Können Abnehmspritzen das Risiko für Metastasen und Krebsstreuung senken?

Diese auf dem Jahreskongress 2026 der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellte Studie der Cleveland Clinic erhielt große Aufmerksamkeit. Sie untersuchte nicht das Krebsrisiko selbst, sondern die Frage, ob GLP-1-Medikamente die Wahrscheinlichkeit verringern könnten, dass sich bestimmte Tumoren im Körper ausbreiten.[4]

Für diese Erhebung untersuchten die Forschenden Daten von über 10.000 Patientinnen und Patienten, die eine Krebserkrankung im Stadium I bis III hatten und GLP-1-Rezeptoragonisten anwendeten. Im Fokus war dabei, wie sich Metastasten entwickelten und ob die Krankheit in ein fortgeschritteneres Stadium eintrat.

Die Auswertung deutet darauf hin, dass Patientinnen und Patienten, die GLP-1-Rezeptoragonisten anwendeten, je nach Tumorart ein deutlich geringeres Risiko für eine Ausbreitung der Krankheit hatten. Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang bei Leber-, Darm, Brust- und Lungenkrebs. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Tumore weiter ausbreiten, Metastasen entstehen oder die Erkrankung ins nächste Stadium übergeht, war hier um 38% bis 50% geringer.

Aussagekraft der Studie

Auch diese Analyse beruht auf einer Beobachtungsstudie, was ihre Aussagekraft einschränkt. Die Forschenden stellen bisher nur Vermutungen an, dass die Abnehmspritzen das Tumorumfeld indirekt beeinflussen könnten, indem sie Entzündungsprozesse reduzieren und Stoffwechselparameter verbessern. Der endgültige Nachweis eines kausalen Zusammenhangs fehlt noch. Daher sind klinische Studien mit hoher Aussagekraft notwendig, um daraus therapeutische Empfehlungen ableiten zu können.

Warum könnten Adipositas-Medikamente das Krebsrisiko und die Krebsstreuung möglicherweise senken?

Weniger chronische Entzündungen

Adipositas gilt als einer der Risikofaktoren für mehrere Krebsarten. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) weist darauf hin, dass laut der Weltgesundheitsorganisation starkes Übergewicht mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Tumorerkrankungen wie Brust-, Darm- und Gebärmutterschleimhautkrebs verbunden ist.[5]

Die Gründe dafür sind bisher nicht komplett entschlüsselt. Fachleute vermuten allerdings, dass Entzündungsprozesse eine Rolle spielen: Überschüssiges Fettgewebe ist nicht nur ein Energiespeicher, sondern produziert auch verschiedene Botenstoffe, die Entzündungsreaktionen fördern können. Diese chronischen Entzündungen könnten ein Umfeld schaffen, in dem Tumorzellen leichter entstehen oder wachsen.[5]

GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid (Wegovy) oder Tirzepatid (Mounjaro) können eine Gewichtsabnahme unterstützen und verschiedene Stoffwechselparameter verbessern.[6][7] Forschende diskutieren daher, ob die dadurch reduzierte Fettmasse und die geringere Entzündungsaktivität teilweise erklären könnten, warum in den Studien ein niedrigeres Krebsrisiko bei Anwenderinnen und Anwendern beobachtet wurde.

Verbesserter Stoffwechsel und geringere Insulinresistenz

Übergewicht und Adipositas gehen häufig mit einer Insulinresistenz einher, die typisch für einen Typ-2-Diabetes ist. Das bedeutet: Körperzellen reagieren weniger auf Insulin, sodass der Körper dieses Hormon für den Zuckerstoffwechsel in größeren Mengen produzieren muss. Erhöhte Insulinspiegel können das Wachstum und die Teilung von Zellen beeinflussen, was möglicherweise Relevanz für bestimmte Tumorerkrankungen hat.[5]

GLP-1-Medikamente wiederum können sich positiv auf die Blutzuckerkontrolle auswirken, die Insulinempfindlichkeit erhöhen und Stoffwechselstörungen reduzieren.[7] Neben dem Gewichtsverlust könnte diese Verbesserung des Stoffwechsels deshalb ein weiterer Faktor sein, der den beobachteten Zusammenhang zwischen Abnehmspritzen und einem möglicherweise geringeren Krebsrisiko erklärt.

Fazit: Vielversprechende Hinweise, aber noch keine wissenschaftlichen Beweise für Krebsprävention durch Abnehmspritzen

Die aktuelle Studienlage liefert erstmals mehrere übereinstimmende Hinweise darauf, dass Abnehmspritzen das Krebsrisiko möglicherweise senken und die Wahrscheinlichkeit einer Ausbreitung der Krankheit reduzieren könnten. Dabei gibt es vor allem Hinweise auf ein potenziell geringeres Risiko für bestimmte Krebsarten wie Brust-, Darm-, Leber- und Lungenkrebs sowie eine reduzierte Entwicklung von Metastasen. Diese bisherigen Ergebnisse werden in Beziehung zu dem bestehenden wissenschaftlichen Verständnis gesetzt, dass Adipositas als ein Faktor für chronische Entzündungen, Insulinresistenz und Stoffwechselveränderungen die Entstehung und das Fortschreiten von Krebs begünstigen kann.

Die Aussagekraft dieser Beobachtungstudien ist allerdings eingeschränkt. Vor allem eine zentrale Frage bleibt bisher offen: Wirken GLP-1-Medikamente gegen Krebs in erster Linie, weil sie zu einer deutlichen Gewichtsreduktion führen, oder besitzen Abnehmspritzen auf Basis von Wirkstoffen wie Semaglutid oder Tirzepatid darüber hinaus eigene biologische Eigenschaften, die Krebsprozesse beeinflussen könnten?

Zur Beantwortung sind große, langfristige und randomisierte klinische Studien nötig, die in der medizinischen Forschung als „Goldstandard“ gelten. Bis dahin gilt: Abnehmspritzen sind weder Krebsmedikamente noch eine offiziell anerkannte Methode zur Krebsprävention. Bei medizinischer Indikation können sie zur Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes eingesetzt werden. Ihre möglichen Effekte auf das Krebsrisiko müssen allerdings erst noch abschließend bewiesen werden.

Ihre erste AnlaufstelleSprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, um zu klären, ob eine Behandlung mit Wegovy oder Mounjaro für Sie geeignet ist. Alternativ berät Sie das MedExpress-Team gern zu Ihren Optionen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke. Diese Informationen ersetzen nicht die professionelle Beratung durch einen Arzt oder eine Ärztin. Individuelle Ergebnisse können variieren. Über die Verschreibung einer Behandlung entscheiden qualifizierte Ärztinnen und Ärzte nach einer individuellen medizinischen Beurteilung.

Nächste geplante Überprüfung: 27 Juli 2029

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